1. Du hast im letzten August die Leitung des nationalen Sekretariats des SAH Schweiz übernommen. Kannst du uns etwas über deinen beruflichen Werdegang erzählen und darüber, wie du zu dieser Funktion gekommen bist?

Mein beruflicher Werdegang bewegte sich zwischen institutioneller Tätigkeit und direkter Arbeit vor Ort. Ich habe 1997 bei der Bergier-Kommission als wissenschaftliche Mitarbeiterin angefangen, bin dann zum Eidgenössischen Departement des Innern gewechselt und war dort von 2000 bis 2002 als persönliche Mitarbeiterin von Frau Ruth Dreifuss tätig. Danach arbeitete ich bei der schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) im Bereich Integration und anschliessend bei der Unia als Gewerkschafterin. 2013 habe ich meinen Werdegang ein wenig neu ausgerichtet und wurde bei Movendo, einem Gewerkschaftsinstitut, Erwachsenenbildnerin und Verantwortliche für die Weiterbildung von Gewerkschaftsfunktionär*innen. Ich hatte noch einen kurzen, aber lehrreichen Abstecher zur Transportgewerkschaft SEV. Schliesslich hatte ich in den letzten Monaten das Glück, einen Einsatz bei den Établissements pour l’intégration (EPI) in Genf zu absolvieren, der mich auf Integrationsaufgaben für unterschiedliche Zielgruppen und verschiedene Auftraggeber (IV, Migration, Sozialhilfe) vorbereitet hat. Meine roten Fäden sind sicherlich die Themen Asyl und Arbeitsrecht, mit einem Schwerpunkt auf Interessenvertretung und der Verteidigung der Menschenrechte.

Was diese Etappen verbindet, sind Begegnungen, die meinen Werdegang verändert haben, und Menschen, die mir Türen geöffnet haben.

Ich habe Geschichte studiert. Was sie mich gelehrt hat, ist, Kraft und Inspiration aus der langfristigen Perspektive zu schöpfen. Das steht dem Handeln nicht entgegen. Im Gegenteil: Gerade diese langfristige Perspektive kann den Sinn und die Energie geben, heute zu handeln. Für das nationale Sekretariat des SAH Schweiz zu arbeiten, ist heute eine Möglichkeit, dieselbe Bewegung fortzusetzen, zwischen Koordination, Strategie und Nähe zur Praxis vor Ort.

 

2. Das SAH Schweiz feiert dieses Jahr sein 90-jähriges Bestehen. Was hat dich bei der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte am meisten beeindruckt, und welchen Wunsch hast du für seine Zukunft sowie für die Zukunft der Regionalvereine?

Die Geschichte des SAH berührt mich besonders. Ich bin zum ersten Mal bei meinen Recherchen für die Bergier-Kommission auf den Namen SAH gestossen. Ich habe Regina Kägi-Fuchsmann entdeckt, ihre jüdischen und litauischen Wurzeln, ihren Werdegang als Lehrerin, Feministin und Aktivistin. Sie engagierte sich für spanische Flüchtlinge und benachteiligte Kinder, in einer gespaltenen Schweiz mit ausgeprägten Abschottungstendenzen. Das SAH wurde 1936 gegründet, und seine Geschichte ist untrennbar mit dem Spanischen Bürgerkrieg verbunden. Das ist für mich kein Detail, sondern von grundlegender Bedeutung.

Ich lernte auch Angéline Fankhauser kennen, nachdem sie aus dem Nationalrat ausgeschieden war. Ich arbeitete damals mit Ruth Dreifuss zusammen. Angéline Fankhauser beeindruckte mich durch ihre Offenheit und ihren unverblümten Feminismus. Sie war auch eine der prägenden Figuren der Bewegung der «Grauen Panther» und leitete anschliessend die VASOS (nationale Dachorganisation mit koordinativen Aufgaben für Senioren- und Selbsthilfeorganisationen) mit einer Einstellung, die viel über die Person aussagt: Alt sein ist die Zukunft für alle! Und lasst uns mit frohem Herzen vorangehen!

Das bedeutet natürlich nicht, dass das SAH die Jugend vergisst. Ganz im Gegenteil: Die besorgniserregende Zunahme psychischer Probleme bei einem Teil der Jugendlichen sowie die Perspektivlosigkeit derjenigen, die ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt nicht finden, sind zentrale Themen der SAH Regionalvereine.

In dieser Geschichte verwurzelt zu sein, macht mich stolz. Gleichzeitig möchte ich mich auch auf die bescheideneren Beiträge beziehen, auf jene der SAH-Mitarbeitenden im Laufe der Jahrzehnte. Was mich letztlich am meisten berührt, ist die Fähigkeit des SAH, sich immer wieder zu erneuern, getragen von der Stärke seines Netzwerks und seiner Teams vor Ort.

3. Wie sieht deine Vision für das SAH in den nächsten Jahren aus? Auf welche Schwerpunkte möchtest du den Fokus legen?

Ich glaube, es wäre anmassend, schon jetzt feststehende Leitlinien zu verkünden. Was ich jedoch teilen kann, ist meine Art, diese Funktion anzugehen: mit einem ko-konstruktiven Ansatz, statt mit vorgefertigten Antworten anzutreten. Wenn mich die Geschichte des SAH für die Zukunft etwas lehrt, dann die Erkenntnis, dass grosse Veränderungen oft von Menschen mit Überzeugungen ausgehen, die vor Ort handeln und nicht aus einem Büro heraus. Die Vision wird gemeinsam mit den betroffenen Menschen entstehen.

 

4. Du wirst deine Zeit zwischen Genf und Bern aufteilen. Was schätzt du an jeder dieser Städte? Und zum Abschluss noch eine etwas lockerere Frage: Lieber eine Fahrt auf der Aare hinunter oder Baden in der Rhone?

Ich bin in Bern geboren. Meine Eltern – meine Mutter stammt aus dem Wallis und mein Vater aus dem Jura – haben sich dort niedergelassen, nachdem sie sich in Freiburg kennengelernt hatten. Auch wenn ich keine Erinnerungen daran habe – ich war zwei Jahre alt, als wir Bern verliessen -, habe ich noch Fotos von einer Wohnung in einem «ultramodernen Wohnblock» aus den 70er-Jahren in Ostring, wo meine Eltern italienische Nachbarn hatten, die später nach Rom zurückkehrten. Wir haben sie oft in Italien besucht, und sie sprachen mit einer gewissen Nostalgie von Bern. Ich denke mir, dass das vielleicht Teil meiner DNA ist … Ich habe fast immer in Verbindung mit Bern gearbeitet, hatte dort Zimmer, ohne jedoch jemals meinen Wohnsitz dorthin zu verlegen. Ich mag den Berner Dialekt, Züri West und Mani Matter. Die Aare ist wunderschön, aber ein bisschen kalt, und ich bin eher kälteempfindlich.

Genf rettet mich, wenn mir die Schweiz zu eng erscheint. Ich liebe diese Stadt, finde sie interessant, und ich wünschte, man würde sie im Rest des Landes mehr schätzen und ihren schlechten Ruf ein wenig korrigieren. Genf kann auch ein soziales Labor sein; die «Operation Papyrus» zur Legalisierung von Sans-Papiers ist ein schönes Beispiel dafür. Und ausserdem entspringt die Rhone im Wallis und fliesst bis nach Marseille. Ich glaube, tief in meinem Herzen gehöre ich ein bisschen mehr zum Mittelmeer.