Michele Ghielmini ist seit gut einem Jahr Präsident des SOS Ticino und kennt den Verein bereits aus seiner Zeit im Vorstand. Im Interview gibt er Einblick in seine Rolle, spricht über aktuelle Herausforderungen – und darüber, was ihn am Engagement für soziale Gerechtigkeit begeistert.
1. Was hat sich für dich persönlich geändert, seit du vom Vorstandsmitglied zum Präsidenten geworden bist?
Ich bin eher zufällig in den Vorstand von SOS Ticino gekommen. Ein Jugendfreund, den ich auf dem Kongress der SP getroffen hatte, konnte mich dafür gewinnen. Seine Anfrage kam zum richtigen Zeitpunkt, da ich gerade in Rente gegangen war und offen für Aktivitäten war, durch die ich mich weiterhin sozial nützlich fühlen konnte. Das Engagement im Vorstand, zumindest so wie er im Tessin organisiert ist, ist jedoch bescheiden: die Teilnahme an den monatlichen Sitzungen und gegebenenfalls die Durchsicht der im Voraus zugesandten Unterlagen. Als ich in diese für mich völlig neue Welt eintrat (ich war mein ganzes Leben lang Arzt), fühlte ich mich verpflichtet, den Verein besser kennenzulernen. Im ersten Jahr besuchte ich deshalb alle Einrichtungen und sprach mit den wichtigsten Führungskräften. Später traf ich auch die Verantwortlichen anderer Vereine, mit denen wir zusammenarbeiten oder die sich mit den gleichen Bereichen befassen. So gelangte ich zu einem recht guten Verständnis für seine Tätigkeit und Arbeitsweise und entwickelte eine grosse Wertschätzung dafür. Als mein Vorgänger zurücktrat, bewarb ich mich daher als neuer Präsident.
Die neue Rolle ist viel anspruchsvoller. Ich würde sagen, dass sie mich auf die eine oder andere Weise durchschnittlich 8 bis 10 Stunden pro Woche beschäftigt. Die Besuche in den Einrichtungen und bei den Menschen haben mir geholfen zu verstehen, welche Verbesserungen und Initiativen der Verein möglicherweise benötigt. Auf dieser Grundlage habe ich einen Plan mit Zielen für die nächsten Jahren erstellt, den ich schrittweise unter Einbeziehung des restlichen Vorstands und der Geschäftsleitung umzusetzen versuche.
2. Was begeistert dich besonders am SOS Ticino?
In einem politischen und historischen Klima, das von Überheblichkeit, Egoismus, der Verteidigung der eigenen Interessen sowie Misstrauen und Aggressivität gegenüber den Schwachen und Andersartigen geprägt ist, fördert SOS Ticino die Integration von Menschen, die sich in unserer Gesellschaft schwerer tun, sich zu integrieren und ein würdiges Leben zu führen. Ich sehe bei den Mitarbeitenden von SOS Ticino eine Selbstlosigkeit, Solidarität und eine starke soziale Motivation. Diese Eigenschaften stehen im deutlichen Kontrast zur vorherrschenden Tendenz und geben mir trotz der aktuellen Entwicklungen im Westen Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Menschheit.
3. Welche Herausforderungen beschäftigen euch – und wie begegnet ihr ihnen?
Die beiden grössten Herausforderungen für die nächsten Jahre sind das schnelle Wachstum des Vereins in den letzten Jahren und der chronische Mangel an finanziellen Mitteln.
In den letzten sechs Jahren hat SOS Ticino die Zahl seiner Mitarbeitenden (von 60 auf 140 FTE, dazu kommen 70 Freiwillige und 200 Stunden-Dolmetscher*innen) sowie sein Budget (von 7 auf 18 Millionen pro Jahr) mehr als verdoppelt. Dabei ist der Verwaltungs- und Managementapparat nicht proportional mitgewachsen. Dies hat zu einigen Ineffizienzen und Managementlücken geführt, die wir beheben müssen.
Allerdings erschweren die Kürzung der öffentlichen Mittel und die Schwierigkeit, Finanzierungen von Privatpersonen und Stiftungen zu erhalten, einerseits Investitionen in die Overhead-Struktur. Andererseits setzen sie die Mitarbeitenden unter Druck, die eine wachsende Arbeitslast bewältigen müssen, ohne dass das Personal entsprechend aufgestockt werden kann.
4. In welche Richtung soll sich SOS Ticino entwickeln und wo siehst du konkrete Zukunftschancen?
Seit letztem Jahr veranstalten der Vorstand und die Geschäftsleitung von SOS Ticino einen gemeinsamen Nachmittag, um sich besser kennenzulernen und weitreichende strategische und planerische Fragen zu diskutieren.
Beim diesjährigen Workshop haben wir auch über die zukünftige Entwicklung diskutiert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Entwicklung von SOS Ticino in den letzten Jahren wichtig war, insbesondere aufgrund der Einführung des Projekts zum Rechtsschutz für neue Asylsuchende (in Zusammenarbeit mit Caritas Schweiz). Dieses Projekt beschäftigt uns sehr. Wir benötigen nun einige Jahre der Konsolidierung.
Die Erschliessung neuer Bereiche, wie die Gründung neuer Sozialunternehmen oder die Lancierung neuer Projekte, wurde daher auf die nächsten Jahre verschoben.
5. Was wünschst du dir für das SAH-Netzwerk und was erwartest du vom Engagement auf nationaler Ebene?
Ich muss zugeben, dass ich zu denjenigen gehöre, die es bedauern, dass sich der nationale Verein in der Vergangenheit in Solidar Suisse und zehn regionale Vereine aufgeteilt hatte. Wenn ich mir die mediale und politische Wirkung anderer Organisationen anschaue, die auf nationaler (und internationaler) Ebene vereint geblieben sind – wie Caritas und das Rote Kreuz -, glaube ich, dass es trotz der damals aufgetretenen Probleme derzeit von Vorteil sein könnte, weiterhin Teil einer einzigen, soliden und starken nationalen Organisation zu sein.
Vom aktuellen nationalen Sekretariat erwarte ich jedoch Unterstützung bei der Koordinierung der regionalen Aktivitäten und der Information aller über die Aktivitäten der anderen, damit alle von den Erfahrungen der anderen profitieren können.
6. Zum Schluss eine persönliche Frage: Was machst du am liebsten, wenn du nicht arbeitest?
Ich betrachte mich als glücklichen Rentner. Ich habe Zeit, bin gesund und bekomme eine gute Rente. Ich spiele Gitarre in einer Band, spiele Schach, wandere in den Bergen, lese und reise (auch mit dem Motorrad) mit meiner Frau, mit Freunden und manchmal auch allein. Aber nur Spass zu haben reicht nicht aus, um zufrieden zu sein. Es ist auch wichtig, nach den Jahren der Arbeit noch etwas für die Gesellschaft tun zu können.
Vielen Dank fürs Beantworten der Fragen! 😊











