Im Mai 2022 kam Iryna mit ihrer Familie in die Schweiz, nachdem sie vor dem Krieg in der Ukraine geflohen war. Obwohl sie über fundierte Erfahrung als Englischlehrerin verfügt, muss sie ganz von vorne anfangen: eine neue Sprache lernen, ein neues System verstehen und sich beruflich neu orientieren. Im Rahmen des INTEGRO-Programms wird sie von SAH Zürich begleitet. Heute berichtet sie über ihren Werdegang und die Etappen ihrer Integration.
1. Wie haben Sie die Flucht aus der Ukraine in die Schweiz erlebt?
Zum Kriegsbeginn befand ich mich glücklicherweise nicht in der Ukraine, sondern mit meiner Familie im Ausland. Es waren meine Freund*innen, Kolleg*innen und Student*innen, die mir die tragischen Nachrichten über den Krieg übermittelten. Ich stand unter Schock, schrie innerlich vor Schmerz und Verzweiflung und machte mir Sorgen um das Leben der Zivilisten, die in der Ukraine geblieben waren und nicht auf den Krieg vorbereitet waren.
Bevor wir in die Schweiz kamen, gingen mein Mann, mein Sohn und ich zunächst nach Kanada. In den ersten Kriegsmonaten bot Kanada jedoch keinen Sonderstatus für Flüchtlinge aus der Ukraine an. Also mussten wir uns eine neue Zuflucht suchen und kamen im Mai 2022 in der Schweiz an.
2. Was war für Sie in den ersten Monaten in der Schweiz am schwierigsten?
Es war das erste Mal, dass ich die Erfahrung machte, Flüchtling zu sein. Vor dem Krieg bin ich viel mit meiner Familie gereist und war es daher gewohnt, als Touristin in einem fremden Land zu sein. Aber was wir jetzt erleben, ist etwas ganz anderes. Als ich hier ankam, hatte ich das Gefühl, dass ich „tabula rasa” machen musste, als wäre ich meiner Identität beraubt worden und müsste ganz von vorne anfangen. Gestern warst du noch jemand, und heute bist du ein Niemand. Du bist für alle eine Fremde und musst dich immer wieder neu vorstellen: als Mutter, als Berufstätige, als Freundin usw.
Ich musste alles von Grund auf neu lernen: die Sprache, die Gesetze und die sozialen Normen. Glücklicherweise kann ich als Englischlehrerin zumindest Englisch, was mir sehr geholfen hat. Viele meiner Landsleute sagen mir, dass sie sich wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlen. Sie möchten sich unterhalten, können sich aufgrund der Sprachbarriere aber nicht verständlich machen.
Am Anfang war ich erschöpft, weil es so viel zu verstehen gab, insbesondere über den S-Status. Inzwischen ist alles einfacher und ich fühle mich sicher.
Der Schmerz, den wir empfinden, ist oft unsichtbar. Die Menschen können nicht erkennen, dass sich hinter der positiven Energie und dem Lächeln Verzweiflung, Einsamkeit, Trauer und der Verlust der Hoffnung auf Frieden in unserem Land verbergen.
3. Was sind die kulturellen Unterschiede zwischen der Ukraine und der Schweiz?
In der Schweiz habe ich eine völlig andere Kultur entdeckt, sogar eine kulturelle Vielfalt, die mir bisher unbekannt war. Was die Gastfreundschaft angeht, ist es ganz anders. In der Ukraine war unser Haus ständig voll, es waren immer Freund*innen oder Familienmitglieder zu Besuch. Hier sind die Menschen viel zurückhaltender. Selbst die Begrüssung ist anders: In der Ukraine umarmen wir uns immer herzlich, hier geben sich die Menschen lieber die Hand. Frauen geben sich in der Ukraine hingegen niemals die Hand.
4. Welche Rolle hat das SAH Zürich bei Ihrer Integration gespielt?
Dank meines Sozialarbeiters konnte ich am INTEGRO-Programm des SAH Zürich teilnehmen. Ich konnte an Gruppen- und Privatcoachings teilnehmen und wurde dabei von meiner Coach unterstützt, meinen Lebenslauf und meine Bewerbungsschreiben zu verbessern. Im Moment habe ich vier verschiedene Bewerbungsschreiben. Ich bin meiner Coach sehr dankbar. Ich spüre ihre bedingungslose Unterstützung und fühle mich geborgen. Mein Sozialarbeiter und meine Coach kümmern sich nicht nur um mich, sondern auch um meine Familie.
Dank dieses Programms habe ich sehr nette Menschen kennengelernt, die Menschen in Not helfen. Unter den Teilnehmenden tauschen wir uns über unsere Erfolge, unsere Zweifel, unsere Erfahrungen und unsere Arbeitsbedingungen aus. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit gibt mir Kraft. Als Flüchtling ist es wichtig, Menschen zu finden, denen wir vertrauen können.
Meine Coach hat mir schnell einen Einsatzplatz bei der ISZN (International School Zurich North) vermittelt. Ich fühle mich dort sehr wohl. Mir ist bewusst, dass es sich nur um einen befristeten Job handelt, aber es ist eine grossartige Gelegenheit, neue, nützliche Erfahrungen mit ausländischen Studierenden sowie mit einem internationalen Team von Kollegen zu sammeln.
5. Was sind Ihre Pläne oder Hoffnungen für die Zukunft?
Ich habe ich keine Erwartungen mehr, denn sie waren es, die mich deprimiert haben. Ich lebe viel mehr im Hier und Jetzt, denn die Zukunft ist viel zu ungewiss. In meinem Land sagt man: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen für die Zukunft.“ Meine Integration ist ein Prozess. Auch wenn ich die Menschen besser verstehe, muss ich noch an meinem Deutsch arbeiten.
Beruflich erhalte ich viele Absagen, was sehr belastend für mich ist. Ich bin glücklich mit meinem Einsatzplatz bei der ISZN, und es wird noch verhandelt, ob ich bleiben kann. Ich würde sehr gerne Ich möchte sehr gerne als Englischlehrerin im Schweizer Bildungssystem arbeiten. Ich bin voller Energie, habe Berufserfahrung als Lehrerin und den tiefen Wunsch, Kurse, Workshops und Seminare zu geben.
6. Das SAH feiert im Jahr 2026 sein 90-jähriges Bestehen. Was möchten Sie uns dazu wünschen?
Sie und ich haben das gleiche Ziel: Mit Menschen in Kontakt zu sein und ihnen zu helfen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese goldene Regel im Kopf behalten: Behandeln Sie andere so, wie Sie selbst behandelt werden möchten. Arbeiten Sie immer mit Freundlichkeit, Empathie und dem Wunsch, Menschen in Not zu helfen.