Hannes Lindenmeyer hat in den 1980er und 1990er Jahren den Aufbau der SAH-Arbeitsintegration in der Schweiz massgeblich geprägt. Im Interview blickt er auf die Entstehung von Projekten wie Etcetera zurück, auf die Herausforderungen der ALV-Revision – und auf mutige Aktionen, die manchmal an der Grenze des Erlaubten lagen. Ein Gespräch über politische Verantwortung, Vertrauen und gelebte Solidarität.
1. Herr Lindenmeyer, Sie waren über ein Jahrzehnt beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk tätig. Wie begann Ihre Zeit beim SAH?
Ich kam 1983 zum SAH, ursprünglich mit einem Hintergrund als Lehrer und Geograf. Anfangs war ich Projektleiter, ab 1987 dann Abteilungsleiter Inland. Innerhalb von sieben Jahren haben wir zehn Regionalstellen aufgebaut. Es war eine spannende Zeit, mit viel Gestaltungsfreiheit, aber auch zunehmender Komplexität durch die politische und wirtschaftliche Entwicklung.
2. Was war damals das Hauptthema Ihrer Arbeit?
Ganz klar: die Entwicklung und Umsetzung von Programmen zur Integration von Erwerbslosen. Anfangs waren wir sehr basisnah tätig – wir haben einfach geschaut, was gebraucht wird, und etwas auf die Beine gestellt. Später wurden wir zunehmend durch Vorgaben des Bundes und der Kantone gelenkt.
3. Können Sie ein konkretes Beispiel für diese frühe, unmittelbare Projektarbeit nennen?
Ja, das Projekt Etcetera ist dafür sehr typisch. Es entstand aus einer konkreten Situation an der Hohlstrasse in Zürich, wo früher Leute direkt an der Strasse als Tagelöhner angeworben wurden. Als dies nicht mehr möglich war, kamen sie einfach zu uns ins Büro und fragten: «Habt ihr Arbeit?» So ist Etcetera entstanden – ein Projekt für stundenweise, niederschwellige Beschäftigung, das sich insbesondere an Menschen mit Suchtproblemen oder ohne festen Wohnsitz richtet.
Das lief gut, auch weil wir ehrlich waren. Wir informierten unsere Auftraggeber darüber, dass die Arbeit von Menschen in schwierigen Lebenssituationen ausgeführt wird. Viele akzeptierten das und ein Netzwerk des Verständnisses entstand.
4. Gab es weitere innovative Programme?
Ja, etwa die Projekte für erwerbslose Akademiker. Dort ging es zum Beispiel um die Erforschung historischer Verkehrswege, denkmalgeschützter Bauernhäuser oder Stadtforschung. Das Ziel war, gutqualifizierten Menschen die Chance zu bieten, ihre Kompetenzen sinnvoll und zum Nutzen der Gesellschaft einzusetzen und dabei ihre beruflichen Erfahrungen zu vertiefen.
5. Auch politisch waren die 1990er Jahre eine Zeit des Umbruchs. Wie hat sich das auf das SAH ausgewirkt?
Massiv. Mit der steigenden Arbeitslosigkeit wurde der Bereich der heute sogenannten «arbeitsmarktlichen Massnahmen» professionalisiert und zunehmend reguliert. 1995 kam die grosse Revision der Arbeitslosenversicherung und die RAVs wurden eingeführt. Ich war damals als Experte involviert und habe mich – leider vergeblich – dagegen ausgesprochen, dass Kontrolle und Beratung am gleichen Ort stattfinden. Denn das zerstört Vertrauen.
6. Wie hat das SAH auf diese Entwicklung reagiert?
Zunehmend angepasst. Wir gerieten in ein Spannungsfeld zwischen unseren Werten und den Erwartungen der Auftraggeber. Irgendwann galt: Die Hand, die dich füttert, beisst man nicht. Dadurch verloren wir teilweise den direkten Bezug zur Basis. Es gab jedoch auch Versuche, gegenzusteuern, beispielsweise mit dem Projekt impuls in Zürich. Dabei handelt es sich um eine unabhängige Beratungsstelle für Arbeitslose, die von Gewerkschaften und Kirche mitgetragen wurde.
7. Trotz allem: Gab es Raum für eigenständige, gesellschaftlich relevante Arbeit?
Unbedingt. Zwei Projekte möchte ich besonders erwähnen: Erstens die Alphabetisierungskurse Lesen und Schreiben, die wir gemeinsam mit der Gewerkschaft GBI aufgebaut haben. Viele Menschen kamen aus der Schule und konnten nicht richtig lesen oder schreiben. Das ist ein Handicap bei der Stellensuche, aber auch ein gesellschaftliches Problem. Wir haben das trotz politischen Widerstands aufgegriffen und mit Spenden sowie Gewerkschaftsunterstützung gestartet. Heute macht das der Verein Lesen und Schreiben Schweiz.
Zweitens unser Engagement im Drogenbereich. Als die offene Drogenszene in Zürich eskalierte, haben wir in Kooperation mit Pfarrer Sieber und dem Roten Kreuz die erste Kontakt- und Anlaufstelle in Zürich eingerichtet, die damals noch illegal war. Dort war Drogenkonsum erlaubt und es wurden soziale Beratung, medizinische Hilfe und seelsorgerische Unterstützung angeboten. Der Stadtrat wusste davon und duldete es aber stillschweigend. Die Dreier-Kooperation war politisch unschlagbar, das Projekt menschenorientiert, mutig und notwendig. Es hat zum Durchbruch für eine neue Drogenpolitik beigetragen.
8. Was bedeutete Solidarität für Sie damals – und was bedeutet sie heute?
Für mich heisst Solidarität Partizipation. Die Betroffenen müssen mitreden und mitgestalten können. Wir sollten nicht über, sondern mit den Menschen entscheiden. Diese Haltung zog sich durch die Anfangszeiten, von den Vollversammlungen im SAH-Dachraum bis zu den Round Tables mit Arbeitslosen. Und ich finde, diese Haltung sollte heute wieder eine Stärke des SAH sein.
9. Welches politische Selbstverständnis hatte das SAH zu Ihrer Zeit?
Wir sahen uns als sozialpolitische Pioniere in den Bereichen Arbeitsintegration, Erwachsenenbildung und Drogenpolitik. Es gab jedoch auch innere Widerstände: Als wir Mitinitianten der Droleg-Initiative waren – auch Zentralsekretärin Angeline Fankhauser stand dahinter – zog die damalige Präsidentin aus Angst vor der Volksabstimmung das SAH zurück. Aber insgesamt konnten wir doch einiges bewegen.
10. Und heute? Wie erleben Sie das SAH heute? Was wünschen Sie dem SAH zum 90-jährigen Bestehen?
Ich bekomme wenig vom SAH mit. Während andere Organisationen in der Corona-Zeit präsent waren, habe ich vom SAH nichts gehört. Ich wünsche mir ein mutiges, innovatives und kreatives SAH, das unabhängiger von staatlichen Behörden agiert. Leider vergeben diese ihre Aufträge einfach an den günstigsten Anbieter und die ethische Grundlage bzw. Haltung ist nicht gefragt. Nahe an der Lebensrealität der Menschen – das ist für mich die DNA des SAH.



