Chiara Orelli war von 2010 bis 2020 Direktorin von SOS Ticino. Sie blickt zurück auf die entscheidenden Jahre des Vereins: interne Konsolidierung, Entwicklung wichtiger Projekte und Festigung seiner institutionellen Rolle. Ausserdem teilt sie ihre Sichtweise zum sozialen und politischen Engagement vom SAH in der Schweiz.

1. Möchtest du dich kurz vorstellen?

Ich bin in Lugano aufgewachsen und habe in Rom Literaturwissenschaft studiert. Ich war Herausgeberin der italienischen Ausgabe des Historischen Lexikons der Schweiz, habe mich parallel dazu mit historischer Forschung beschäftigt und war drei Legislaturperioden lang Mitglied des Kantonsparlaments für die Sozialdemokratische Partei.

Im Jahr 2010 wurde ich Direktorin von SOS Ticino, eine Position, die ich zehn Jahre lang innehatte.

Danach war ich zwei Jahre lang kantonale Koordinatorin zum Thema häusliche Gewalt.

Seit 2022 leite ich das Istituto della transizione e del sostegno, eine Gruppe von Schulen und Diensten, die junge Menschen bei der Reifung und Festigung ihrer Berufswahl unterstützen.

« Es gibt viele Menschen bei SOS Ticino, denen ich für den gemeinsam zurückgelegten Weg tiefe Zuneigung und Dankbarkeit entgegenbringe. »

Chiara Orelli Direktorin SOS Ticino, 2010-2020

2. Wie verlief dein Werdegang bei SOS Ticino von den Anfängen bis zum Austritt?

Ich kam zu SOS Ticino und übernahm direkt die Leitung, nachdem diese Stelle eine Zeit lang unbesetzt war. Ich musste also fast alles von Grund auf neu lernen und es war entscheidend, dass ich auf die Unterstützung des Vorstands und meiner Kolleg*innen zählen konnte.

Es gibt viele Menschen bei SOS Ticino, denen ich für den gemeinsam zurückgelegten Weg tiefe Zuneigung und Dankbarkeit entgegenbringe.

3. Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen dem früheren SOS und der heutigen Organisation?

Ich kenne die strukturellen Veränderungen der letzten Jahre nicht im Detail, aber die Stärkung der Geschäftsleitung ist zweifellos ein Vorteil. Damals war ich Direktorin und gleichzeitig für den Bereich Migration verantwortlich. Jetzt wurden diese beiden Funktionen getrennt und mit einem angemessenen Beschäftigungsanteil ausgestattet, was diesen beiden wichtigen Bereichen den richtigen Spielraum gibt.

« Es ging darum, die Struktur zu festigen und das Vertrauen der Mitarbeitenden durch Transparenz und Klarheit in den Prozessen und Entscheidungen wiederherzustellen. »

Chiara Orelli Direktorin SOS Ticino, 2010-2020

4. Welche Herausforderungen gab es für SOS Ticino, als du dort tätig warst, und wie bist du damit umgegangen? Und welche aktuellen Herausforderungen gibt es deiner Meinung nach für SOS Ticino?

Als ich kam, hatte der Verein eine schwierige Zeit hinter sich. Der vorherige Direktor war gegangen und einige wichtige Projekte waren verloren gegangen.

In einem langen und komplexen Prozess, dessen Ergebnisse ich vor allem Luca Paganetti, dem Finanzleiter, und vielen sehr kompetenten Kolleg*innen zu verdanken habe, ging es darum, die Struktur zu festigen und das Vertrauen der Mitarbeitenden durch Transparenz und Klarheit in den Prozessen und Entscheidungen wiederherzustellen.

Wir haben zahlreiche Konsolidierungsmassnahmen in allen Bereichen (Finanzen, Personal, Projekte usw.) durchgeführt. SOS Ticino hat auch sein Image bei den Interessengruppen gestärkt, indem es Professionalität und Sorgfalt pflegte und dabei stets seine Werte im Blick behielt.

5. Gibt es ein Projekt von SOS Ticino, auf das du besonders stolz bist?

Während meiner Amtszeit wurde das Sozialunternehmen Sostare gegründet und SOS Ticino erhielt zusammen mit Caritas Schweiz den Bundesauftrag für die Rechtsberatung von sich im Verfahren befindlichen Asylsuchenden, die dem Bundesasylzentrum der Region Tessin und Zentralschweiz angehören.  SOS Ticino hat damals eine bemerkenswerte Ausweitung seiner Tätigkeit erfahren. Die Zahl der vom Verein beschäftigten Personen und sein Umsatz haben sich fast verdoppelt, wodurch seine Position auf kantonaler und nationaler Ebene gestärkt wurde.

« Das SAH mit seinen regionalen Verbänden erfüllt grundlegende Bedürfnisse: nicht nur die von Migrant*innen oder Stellensuchenden, sondern auch die einer Schweizer Gesellschaft, die sich als wirklich inklusiv und demokratisch verstehen will. »

Chiara Orelli Direktorin SOS Ticino, 2010-2020

6. Wer hat dich seit deiner Ankunft bei SOS Ticino am meisten inspiriert oder geprägt?

In meinen Jahren bei SOS habe ich viele Menschen kennengelernt und viele Geschichten gehört. Ich nehme die Erfahrung einer Menschheit mit, die sich in einer prekären Lage befindet, aber gleichzeitig reich an Talenten ist und Würde besitzt. Zudem habe ich die Überzeugung gewonnen, dass Solidarität, das Streben nach Gerechtigkeit und die Verteidigung der Chancengleichheit eine Pflicht sind.

Das SAH mit seinen regionalen Verbänden erfüllt grundlegende Bedürfnisse: nicht nur die von Migrant*innen oder Stellensuchenden, sondern auch die einer Schweizer Gesellschaft, die sich als wirklich inklusiv und demokratisch verstehen will.

7. Wie hast du die politische Rolle des SAH in der Schweiz erlebt und wie erlebst du sie heute?

Das SAH ist und bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil der politischen Landschaft der Schweiz. Es gibt denjenigen, die in unserem Land unter Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung leiden, eine Stimme und Vertretung. Es bietet ihnen Fürsorge und schützt ihre Rechte.

Für mich war es ein Privileg, die Kolleg*innen der anderen SAH kennenzulernen, ihre Selbstlosigkeit und ihre Fähigkeiten zu erleben. Ich bin dem SAH dankbar, dass es mir eine der bereicherndsten Erfahrungen meines Berufslebens ermöglicht hat.

Ich wünsche dem SAH, dass es diesen Weg weitergeht und die Werte verteidigt, die ihre Wurzeln im Kampf gegen Barbarei und Ungerechtigkeit vor einem Jahrhundert haben: ad multos annos – das SAH wird immer gebraucht!