Als Nationalrätin und langjährige Generalsekretärin des SAH hat Angeline Fankhauser die Organisation entscheidend geprägt. Besonders in der Flüchtlingshilfe setzte sie sich mit persönlichem Engagement und politischem Nachdruck ein. Im Rückblick erzählt sie, was damals möglich war, und warum soziale Gerechtigkeit niemals verhandelbar sein darf.

1. Frau Fankhauser, wie sind Sie zum Schweizerischen Arbeiterhilfswerk gekommen?

Ich wurde 1983 in den Nationalrat gewählt und arbeitete bei der Pro Juventute in Zürich. Durch den Nationalrat Walter Rentschler erfuhr ich von der Kündigung des Geschäftsleiters des SAH. Ich entschloss mich, meine politische Erfahrung mit der beruflichen Tätigkeit zu verbinden. Das SAH war begeistert, denn ich hatte die Idee der Selbstverwaltung im Kopf. 1986 trat ich dem SAH bei und blieb zwölf Jahre lang dort.

In dieser Zeit war ich Generalsekretärin. Wir arbeiteten an Projekten gegen Arbeitslosigkeit, Flüchtlingshilfe und Entwicklungszusammenarbeit, sodass ich wirklich von der Pike auf lernte, wie diese funktionieren.

Die Finanzierung war jedoch stets ein zentrales Thema. Die Trägerschaft war froh, wenn sie mit den Projekten glänzen konnte. Sie war jedoch weniger präsent, wenn es darum ging, Geld zu generieren. Was uns jeweils gerettet hat, waren die Erbschaftslegate.

« Die Auftragsvergabe hat sich generell geändert. Die neue Politik ist nicht unbedingt falsch, aber das Problem ist, dass man in ein Loch fällt, wenn die Aufträge wegfallen. »

Angeline Fankhauser Generalsekretärin SAH, 1986-1998

2. Welche Herausforderungen gab es für das SAH in der Zeit, in der Sie dort tätig waren?

Die grösste Herausforderung war die wachsende Arbeitslosigkeit. Hannes Lindemeyer war die federführende Kraft bei den Projekten gegen die Arbeitslosigkeit. Als die Zahl der Arbeitslosen zurückging, hatten wir jedoch zu viele Mitarbeitende, für die es keine klaren Übergangslösungen gab. Dies führte zu finanziellen Engpässen, da der Vorstand keinen klaren Kurs vorgab.

Zu meiner Zeit war es eine Mischung aus politischem Engagement und praktischer Arbeit. Die Auftragsvergabe hat sich generell geändert. Die neue Politik ist nicht unbedingt falsch, aber das Problem ist, dass man in ein Loch fällt, wenn die Aufträge wegfallen. Das ist für die Kontinuität nicht gut

3. Gab es als SP-Nationalrätin einen Moment, in dem Sie SAH-Themen erfolgreich politisch einbringen konnten?

Mein politisches Engagement war insbesondere im Flüchtlingsbereich von Bedeutung. In der Zeit, als viele Kurden Asyl suchten, war ich fünfmal in der Türkei. Ich verstand, was es heisst, in Unsicherheit zu leben und wir konnten das Vertrauen der Kurden gewinnen.

Damals konnten Flüchtlingsdossiers noch einzeln behandelt werden und wir setzten uns bei Bundesrätin Elisabeth Kopp für Härtefälle ein. So konnten wir viele Menschen retten.

Durch die politische Arbeit konnte ich mich konkret für Themen wie Flüchtlingshilfe und Arbeitslosigkeit einsetzen. Die Herausforderung bestand darin, Politik und Familie in Einklang zu bringen, aber da meine Kinder mittlerweile erwachsen waren, war dies möglich.

« Für mich stand immer fest: Soziale Fragen müssen zuerst gelöst werden, denn sie betreffen Frauen besonders stark. »

Angeline Fankhauser Generalsekretärin SAH, 1986-1998

4. Was bedeutet für Sie Gleichstellung und wie haben Sie sich dafür eingesetzt?

Ich habe mich im Landrat für Frauen eingesetzt, besonders, weil ich zwei Töchter habe. Für mich stand immer fest: Soziale Fragen müssen zuerst gelöst werden, denn sie betreffen Frauen besonders stark. Chancengleichheit ist mehr als nur eine Geschlechterfrage. Mit dieser Haltung habe ich nicht nur Zustimmung erhalten, ich komme schliesslich aus einer anderen Generation.

Als frisch verheiratete Frau brauchte ich eine behördliche Bewilligung, um Heimarbeit zu machen, weil mein Mann Kantonsangestellter war. Auch nach der Scheidung war es kompliziert. Ich durfte meinen Namen nur mit Zustimmung meines Ex-Mannes und der Regierung behalten. Da wird man fast Feministin.

5. Was sind die grössten Unterschiede zwischen dem SAH, wie Sie es erlebt haben, und der heutigen Organisation?

Die grösste Veränderung ist die Regionalisierung der Kompetenzen, was eine gute Idee ist, da es die Mittelbeschaffung vereinfacht. Die Menschen unterstützen eher lokale Initiativen.

Früher hatten wir Regionalstellen, die jedoch so viel abgeben mussten, dass sie selbst kaum genug zum Überleben hatten. Heute sehe ich, dass das SAH klarer strukturiert ist, was in der heutigen Zeit wichtig ist.

« Wir leben in einer unsicheren Zeit. Obwohl in der Sozialpolitik vieles erreicht wurde, etwa bei der Mutterschafts- oder Arbeitslosenversicherung, bleibt die Integration von Menschen ohne Stimmrecht eine zentrale Herausforderung. »

Angeline Fankhauser Generalsekretärin SAH, 1986-1998

6. Was denken Sie, sind heute die grossen sozialen Herausforderungen?

Wir leben in einer unsicheren Zeit. Obwohl in der Sozialpolitik vieles erreicht wurde, etwa bei der Mutterschafts- oder Arbeitslosenversicherung, bleibt die Integration von Menschen ohne Stimmrecht eine zentrale Herausforderung. Sie leben und arbeiten hier, zahlen Steuern, aber sie kennen unser System kaum, weil sie oft aus Diktaturen kommen. Es fehlt an echter staatsbürgerlicher Bildung. Bei der Einbürgerung wird zwar Faktenwissen abgefragt, das Verständnis für Mitbestimmung bleibt jedoch auf der Strecke.

Mitbestimmung sollte auch am Arbeitsplatz wieder ein Thema sein. Heute entscheiden oft Einzelne über viele. Dabei bräuchte es mehr Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Was fehlt, ist eine Kultur der gegenseitigen Verantwortung. Stattdessen prägt Konkurrenzdenken bereits die Jüngsten, was eine Gesellschaft fördert, in der sich der Stärkere durchsetzt.

Hilfe und soziale Strukturen sollten lokal oder regional organisiert sein, da die Mentalitäten in der Schweiz sehr unterschiedlich sind. Was in Basel funktioniert, passt nicht automatisch ins Wallis.

7. Welche Werte haben Ihr Handeln sowohl im Verein als auch in Ihrer politischen Laufbahn geleitet?

Für mich standen Gleichberechtigung und Chancengleichheit schon immer im Mittelpunkt. Diese Werte sind essenziell für das Zusammenleben. Ich habe mich stets für eine Gesellschaft eingesetzt, in der weniger Wettbewerb und mehr Zusammenarbeit herrscht.

8. Was wünschen Sie dem SAH zum 90-jährigen Jubiläum?

Ich wünsche dem SAH, dass es auch zukünftig konsequent für Chancengleichheit eintritt und die Werte der sozialen Gerechtigkeit bewahrt. Dabei sollte es auch weiterhin Menschen unterstützen, die ein besseres Leben suchen. Denn Chancengleichheit ist mehr als nur eine Frage von Geschlecht oder Einkommensklasse. Es geht darum, Menschen zu befähigen, für sich selbst einzustehen.